Die Vorweihnachtszeit begann fuer uns dieses Jahr schon am 9. November: Im Dormitorio wurde die Weihnachtsdekoration angebracht mit Schneelandschaft, Lichterketten und Weihnachtsbaum. Passend dazu wurde den halben Tag Weihnachtsmusik über die Lautsprecher gespielt.
So waren wir auf den offiziellen Beginn der Weihnachtszeit am 1. Advent schon wunderbar vorbereitet. Die Plaza de 5. Mayo war mit Lichterketten geschmückt, an einem Ende war eine Bühne aufgebaut und zu beiden Seiten standen Tribünen für Zuschauer. Es gab Musik, kurze Ansprachen und vor allem ein Krippenspiel mit echten Tieren.
Die größte Überraschung des Abends kam aber speziell für Kerstin und mich: Während wir arglos am Rand standen und das Schauspiel genossen, kam plötzlich der Rektor der Universität von der Bühne direkt auf uns zu und nahm uns zur Seite. Er erklärte uns (auf Spanisch!), dass wir die Ehre haben sollte, die Beleuchtung des großen Weihnachtsbaumes zu entzünden.
Wir mussten also mit auf die Bühne kommen, wurden offiziell vorgestellt und durften dann zu den Schaltern des Baumes gehen. Der Rektor zählte von 10 abwärts und pünktlich bei 0 legten wir die Schalter um – welche Ehre!
Anfang Dezember konnten wir zwei echt mexikanische Posadas besuchen. (Posada heißt eigentlich Herberge – traditionell gehen die Menschen zu einem Haus und singen dort, um Einlass zu bekommen. In dem Haus findet dann eine Weihnachtsfeier statt.) Die erste war ein Fest für die Studenten der Educación. Wie so oft begann es mit etwa einer halben Stunde Verspätung. Endlich fanden sich alle Studenten im Gang ein und nahmen auf der Erde Platz. Da war mit mitteleuropäischer Pünktlichkeit gekommen waren, hatten wir Plätze auf den einzigen vier Stühlen bekommen… Jeder bekam eine Kerze und dann wurden Weihnachtslieder gesungen und einzelne Gruppen trugen etwas vor. Kurz vor dem Höhepunkt des Abends, der Piñata, musste ich aber unterrichten gehen. Ich kam erst wieder, als es das Essen gab und ein Santa Claus mit einer Gruppe Rentiere kleine Geschenkitos an alle verteilte.
Zum Glück hatten wir nur kurze Zeit später noch eine Posada mit der Spanischklasse. Nach einer kleinen Feier im Instituto de Idiomas gingen wir hinaus, um die Piñata aufzuhängen. Eine Piñata ist eine Pappmaché-Figur, die innen hohl und mit Süßigkeiten gefüllt ist. Weil wir kein Seil hatten, um sie aufzuhängen, nahmen wir ein Kabel, einer meiner Mitschüler kletterte auf einen Baum und hängte die Piñata an einen Ast. Dann wurden uns nacheinander die Augen verbunden, wir bekamen einen Stock und mussten versuchen, unter den anfeuernden Rufen der anderen blind die Piñata zu zerschlagen. Das war ein Spaß!
Ebenfalls schon Anfang Dezember hatten wir den großen Weihnachtsgottesdienst, mit Chören, Krippenspiel und Weihnachtspredigt. Das Podium war wunderschön dekoriert, mit großen Papphäusern und sogar einem Berg, von dem die Hirten hinabsteigen konnten und auf dem die Engel saßen. Die ganze Orgel verschwand hinter der Herberge. Der Kinderchor der Musikschule sang zu unserem Entzücken „Stille Nacht, Heilige Nacht“ auf Deutsch, zumindest in der ersten Strophe. Wir waren zuerst ziemlich irritiert, dass der Weihnachtsgottesdienst schon einige Wochen vor Weihnachten stattfand, aber später wurde uns klar, dass es der letzte Sabbat vor den Semesterferien war. Die meisten Studenten verließen schon Ende der folgenden den Campus und am folgenden Sabbat gab es schon nur noch einen Gottesdienst statt der üblichen zwei und auch die Englische Sabbatschule pausiert, bis das nächste Semester beginnt.
Ansonsten ist die Vorweihnachtszeit in Mexiko schon eine seltsame Erfahrung. Es gibt viele Weihnachtsfeiern, überall sind Lichterketten angebracht, aber tagsüber, wenn man weder Musik hört noch die Weihnachtsdekoration erleuchtet ist, kann man einfach vergessen, dass es kurz vor Weihnacht ist. (Zugegebenermaßen ist dieser Dezember auch sehr ungewöhnlich warm – wir waren vor Kälte gewarnt worden, aber es ist mehr wie Spätsommer in Deutschland.)
Der Weihnachtsbaum sieht tagsüber zwischen all den grünen Bäumen im strahlenden Sonnenschein seltsam deplatziert aus.
Jetzt ist Orangenernte, auch auf den Feldern der Universität. Der Saft, der aus diesen Orangen gepresst wird, ist der beste, den ich jemals probiert habe: frisch und ganz süß, obwohl sie uns versichert haben, dass er ohne Zuckerzusatz ist. Vor dem Gebäude, in dem die Orangen verarbeitet werden, neben dem Eingang zu den Orangenfeldern, steht eine Buganvilla, die über und über voll roter Blüten ist – es ist quasi kein Blatt mehr zu sehen vor lauter Blüten.
Übrigens sind wir Menschen nicht die einzigen, die sich über die Orangen freuen. Die Eichhörnchen sind jetzt überall.
Weihnachten selbst verbringe ich übrigens nicht auf dem Campus (wie quasi niemand), sondern in Kalifornien, bei meiner Familie, so dass ich das Weihnachtsfest auf ganz deutsche Art feiern kann – auch wenn man hier in den Holzhäusern natürlich keine echten Kerzen nehmen darf...
































