Donnerstag, 23. Dezember 2010

Weihnachten...

Die Vorweihnachtszeit begann fuer uns dieses Jahr schon am 9. November: Im Dormitorio wurde die Weihnachtsdekoration angebracht mit Schneelandschaft, Lichterketten und Weihnachtsbaum. Passend dazu wurde den halben Tag Weihnachtsmusik über die Lautsprecher gespielt.



So waren wir auf den offiziellen Beginn der Weihnachtszeit am 1. Advent schon wunderbar vorbereitet. Die Plaza de 5. Mayo war mit Lichterketten geschmückt, an einem Ende war eine Bühne aufgebaut und zu beiden Seiten standen Tribünen für Zuschauer. Es gab Musik, kurze Ansprachen und vor allem ein Krippenspiel mit echten Tieren.
Die größte Überraschung des Abends kam aber speziell für Kerstin und mich: Während wir arglos am Rand standen und das Schauspiel genossen, kam plötzlich der Rektor der Universität von der Bühne direkt auf uns zu und nahm uns zur Seite. Er erklärte uns (auf Spanisch!), dass wir die Ehre haben sollte, die Beleuchtung des großen Weihnachtsbaumes zu entzünden.
Wir mussten also mit auf die Bühne kommen, wurden offiziell vorgestellt und durften dann zu den Schaltern des Baumes gehen. Der Rektor zählte von 10 abwärts und pünktlich bei 0 legten wir die Schalter um – welche Ehre!

Anfang Dezember konnten wir zwei echt mexikanische Posadas besuchen. (Posada heißt eigentlich Herberge – traditionell gehen die Menschen zu einem Haus und singen dort, um Einlass zu bekommen. In dem Haus findet dann eine Weihnachtsfeier statt.) Die erste war ein Fest für die Studenten der Educación. Wie so oft begann es mit etwa einer halben Stunde Verspätung. Endlich fanden sich alle Studenten im Gang ein und nahmen auf der Erde Platz. Da war mit mitteleuropäischer Pünktlichkeit gekommen waren, hatten wir Plätze auf den einzigen vier Stühlen bekommen… Jeder bekam eine Kerze und dann wurden Weihnachtslieder gesungen und einzelne Gruppen trugen etwas vor. Kurz vor dem Höhepunkt des Abends, der Piñata, musste ich aber unterrichten gehen. Ich kam erst wieder, als es das Essen gab und ein Santa Claus mit einer Gruppe Rentiere kleine Geschenkitos an alle verteilte.
Zum Glück hatten wir nur kurze Zeit später noch eine Posada mit der Spanischklasse. Nach einer kleinen Feier im Instituto de Idiomas gingen wir hinaus, um die Piñata aufzuhängen. Eine Piñata ist eine Pappmaché-Figur, die innen hohl und mit Süßigkeiten gefüllt ist. Weil wir kein Seil hatten, um sie aufzuhängen, nahmen wir ein Kabel, einer meiner Mitschüler kletterte auf einen Baum und hängte die Piñata an einen Ast. Dann wurden uns nacheinander die Augen verbunden, wir bekamen einen Stock und mussten versuchen, unter den anfeuernden Rufen der anderen blind die Piñata zu zerschlagen. Das war ein Spaß!
Ebenfalls schon Anfang Dezember hatten wir den großen Weihnachtsgottesdienst, mit Chören, Krippenspiel und Weihnachtspredigt. Das Podium war wunderschön dekoriert, mit großen Papphäusern und sogar einem Berg, von dem die Hirten hinabsteigen konnten und auf dem die Engel saßen. Die ganze Orgel verschwand hinter der Herberge. Der Kinderchor der Musikschule sang zu unserem Entzücken „Stille Nacht, Heilige Nacht“ auf Deutsch, zumindest in der ersten Strophe. Wir waren zuerst ziemlich irritiert, dass der Weihnachtsgottesdienst schon einige Wochen vor Weihnachten stattfand, aber später wurde uns klar, dass es der letzte Sabbat vor den Semesterferien war. Die meisten Studenten verließen schon Ende der folgenden den Campus und am folgenden Sabbat gab es schon nur noch einen Gottesdienst statt der üblichen zwei und auch die Englische Sabbatschule pausiert, bis das nächste Semester beginnt.
Ansonsten ist die Vorweihnachtszeit in Mexiko schon eine seltsame Erfahrung. Es gibt viele Weihnachtsfeiern, überall sind Lichterketten angebracht, aber tagsüber, wenn man weder Musik hört noch die Weihnachtsdekoration erleuchtet ist, kann man einfach vergessen, dass es kurz vor Weihnacht ist. (Zugegebenermaßen ist dieser Dezember auch sehr ungewöhnlich warm – wir waren vor Kälte gewarnt worden, aber es ist mehr wie Spätsommer in Deutschland.)
Manche Bäume blühen, während andere rote Blätter bekommen und sie schließlich abwerfen.
Der Weihnachtsbaum sieht tagsüber zwischen all den grünen Bäumen im strahlenden Sonnenschein seltsam deplatziert aus.
Jetzt ist Orangenernte, auch auf den Feldern der Universität. Der Saft, der aus diesen Orangen gepresst wird, ist der beste, den ich jemals probiert habe: frisch und ganz süß, obwohl sie uns versichert haben, dass er ohne Zuckerzusatz ist. Vor dem Gebäude, in dem die Orangen verarbeitet werden, neben dem Eingang zu den Orangenfeldern, steht eine Buganvilla, die über und über voll roter Blüten ist – es ist quasi kein Blatt mehr zu sehen vor lauter Blüten.
Übrigens sind wir Menschen nicht die einzigen, die sich über die Orangen freuen. Die Eichhörnchen sind jetzt überall.
Weihnachten selbst verbringe ich übrigens nicht auf dem Campus (wie quasi niemand), sondern in Kalifornien, bei meiner Familie, so dass ich das Weihnachtsfest auf ganz deutsche Art feiern kann – auch wenn man hier in den Holzhäusern natürlich keine echten Kerzen nehmen darf...


Samstag, 4. Dezember 2010

Mexico D.F.

Kein Wochenende ohne Besonderheit...
Eine Woche nach unserem Campamento war ein Ausflug mit Studenten der Educación (Lehramt) und der Spanischklasse nach Mexiko Stadt geplant. Wir trafen uns abends an dem großen Reisebus um mit einer ganzen Busladung Studenten und Lehrer unsere 15stündige Reise anzutreten.



Gegen Mittag erreichten wir schließlich Teotihuacan, eine frühere Stadt mit großer Tempelanlage. Der Weg führt den Besucher zunächst zwischen Ruinen der alten Gebäude und Hütten von ziemlich aktuellen Händlern hindurch, bevor sich der Blick auf die "Straße der Toten" öffnet. Links liegt die Pyramide des Mondes vor einem Platz, der von kleinen pyramidenartigen Gebäuden umgeben ist, die auch die Straße der Toten säumen. Folgt man der Straße ein Stück nach rechts kommt man zur gewaltigen Pyramide der Sonne, die ein Stückchen zurück liegt. Beide Pyramiden konnten wir besteigen, was mit einem großartigen Ausblick belohnt wurde, wir aber mit einem gewaltigen Muskelkater bezahlen mussten (die Pyramiden sind so groß, dass man sie früher für Berge gehalten hat).

Pyramide des Mondes mit vorgelagertem Platz und kleinem Stück der "Straße der Toten" von der Pyramide der Sonne aus gesehen

Pyramide der Sonne und "Straße der Toten" von der Pyramide des Mondes aus gesehen.
Die Stufen sind ganz schmal, man möchte seine Füße eigentlich seitwärts setzen, und die Treppen sind genauso steil wie sie aussehen...
Mit zitternden Beinen ging die Fahrt weiter nach Mexiko Stadt, wo wir die halbe Stadt abgesperrt vorfanden, weil die großen Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag der Revolution stattfanden (und damit kombiniert der 200. Jahrestag der Unabhängigkeit - aber nur weil das so gut klingt, der treue Blogleser weiß selbstverständlich, dass das Bicentenario viel früher war ;) ). Auch unser (wunderbares) Hotel war im abgesperrten Bereich und nur zu Fuß erreichbar. Überall war Polizei mit schwerer Bewaffnung. Ein sehr gewöhnungsbedürftiger Anblick... Hinterher fanden wir heraus, dass es um die Militärparade am Samstagvormittag ging (die wir nicht gesehen haben). Später war zwar nach wie vor immer noch überall Polizei, aber sie waren viel entspannter.



Den ersten Abend verbrachten wir auf dem zentralen Platz, dem Zócalo. Hier wurde eine große Lichtershow zur Geschichte Mexikos vorgeführt, aber von unserem Platz konnten wir vor allem die Menschenmengen sehen... 







Am nächsten Tag verbrachten wir den Vormittag im Gottesdienst (zu meiner großen Freude habe ich die - sehr interessante - Predigt tatsächlich zu einem großen Teil verstanden!) und durften den Mittag in kleinen Gruppen mit Sightseeing und Mittagessen in der Altstadt von Mexiko City verbringen.
Einige Impressionen:
"Palacio de Bellas Artes": Er ist den verschiedenen Künsten geweiht, von bildender Kunst bis Oper. An dem Gebäude kann man gut den französischen Einfluss, die Orientierung am Art Déco-Stil sehen.

Die Kathedrale von Mexiko City, erbaut von den Spaniern nach der Eroberung Tenochtitláns auf dem alten heiligen Platz der Azteken. Weil der Boden der Stadt eigentlich sumpfig ist, sinkt die Kathedrale nach und nach im Boden ein. (Tenochtitlán war auf Inseln in einem See erbaut, der aber von den Spaniern trockengelegt wurde.)

Patriotismus...

Unübersehbar der koloniale Stil in der alten Innenstadt - die "zweite Etappe" der mexikanischen Geschichte, der starke spanische Einfluss.
Danach stand ein Besuch bei den Ruinen des "ersten Abschnittes" der mexikanischen Geschichte an, in den Ruinen des alten Tempels in Tenochtitlán.
Die alte Opferstätte - hier wurden auch (so sagte man uns) Menschenopfer dargebracht.

Totenköpfe - Heute werden in Mexiko natürlich keine Menschen mehr geopfert, aber Totenköpfe sind trotzdem bis heute eine typische Dekoration zum Día de Muertos (Tag der Toten, 31.10.-2.11.), an dem die Toten zurückkommen sollen. Es werden Totenschreine aufgebaut, den Toten wird Essen hingestellt und überall wird groß gefeiert, bis die Festlichkeiten auf den Friedhöfen ein Ende finden. Hier, auf dem Campus, wird dieser Tag selbstverständlich nicht begangen, aber von fern konnte man das bunte Treiben auf dem Friedhof erkennen.
In der Dämmerung traf sich die ganze Gruppe neben der Kathedrale, um gemeinsam zu singen, zu beten und eine kurze Andacht zu hören - zum Abschluss stürzten sich alle aufeinander, gaben sich einen Kuss auf die Wange, umarmten sich und wünschten sich "Feliz Semana", wie es jeden Samstagabend bei Sonnenuntergang hier üblich ist (zuerst etwas gewöhnungsbedürftig, aber eigentlich sehr schön); wir gaben bestimmt ein sehr sehenswertes Bild ab! 

Der nächste Tag brachte wieder eine Menge Sightseeing, aber vor allem besuchten wir den Palacio Nacional, in dem bis heute wichtige, besondere Veranstaltungen für die Regierung stattfinden, der aber ansonsten eine interessante Ausstellung zur Geschichte Mexikos beinhaltet und mit den berühmten Wandgemälden Diego Riveras geschmückt ist.
Diego Rivera - dieses Wandgemälde zeigt Mexiko vor Ankunft der spanischen Eroberer

Mexikanische Flagge aus einem der Kriege in der mexikanischen Geschichte - wunderschön bestickt; der Kenner wird bemerken, dass zwar die Farben die gleichen sind wie heute, dass sich die Fahne ansonsten aber sehr geändert hat.
Danach war Zeit, noch ein bisschen die Stadt zu bewundern:

Art Déco-Kaufhaus von außen...

...und von innen.

Danach machten wir uns auf die Rückfahrt, die durchaus interessant war - solange es hell genug war, um etwas zu sehen.
Unser Weg führte zunächst an ausgedehnten Slumvierteln vorbei. Im Stadtkern konnte man die Größe der Stadt leicht vergessen (20 Mio Einwohner!), aber auf der Fahrt wurden die Ausdehnungen deutlicher - und auch die Armut, die in vielen Vierteln herrscht.
Nachdem wir die Stadt verlassen hatten, kamen wir durch trockenes, wüstenartiges Land in den Hügeln, die die Stadt umgeben, durchzogen von Tälern und Canyons.
 Schließlich ging die Sonne hinter den Bergen mit großer Farbenpracht unter.

 Im Dunkeln erreichten wir schließlich eine Raststätte, an der wir Zeit hatten, zu abend zu essen und ein wenig einzukaufen. Ich besuchte ein Geschäft mit "Artesanías", Kunsthandwerk, das direkt neben der Raststätte lag. Während ich gemütlich durch das Geschäft ging, warf ich zufällig einen Blick aus dem rückwärtigen Fenster: nur ein kurzes Stück entfernt brannte das Buschwerk lichterloh! Ich muss gestehen, dass mir durchaus unbehaglich zumute war. Nur kurz nach mir wurden auch zwei Verkäuferinnen auf das Feuer aufmerksam und ich nutzte die Gelegenheit zu fragen, ob es Grund zur Angst gebe. Sie erklärten mir aber, dass das normal sei, weil es eben ziemlich trocken sei. Am Morgen habe es auf der anderen Seite gebrannt, das sei viel beunruhigender gewesen, weil dort die Tankstelle sei. Weil der Wind auch in die andere Richtung ging, ließ ich mich ein wenig beruhigen, aber so ganz entspannt war ich während der Pause dort nicht mehr...
 

Schließlich ging es weiter und nach einer etwas unbequemen Nacht erreichten wir schließlich gegen 7.00 morgens Montemorelos.